Zusammenhang zwischen Haarausfall und Psyche

Die Haare gelten seit jeher als Zeichen von Schönheit und Attraktivität, in der Sagen- und Mythenwelt sogar als Symbol für Macht und Stärke. Das mögen Gründe dafür sein, dass Haarausfall für viele Betroffene einen großen Leidensdruck verursacht. Dieser geht nicht selten mit falscher Scham und einem Verlust des Selbstwertgefühls einher und führt im schlimmsten Fall zu sozialem Rückzug. Doch der Zusammenhang zwischen Haarausfall und Psyche ist komplex.

Wie hängen Haarausfall und Psyche zusammen?

Der Zusammenhang zwischen Haarausfall und Psyche ist wechselseitig. Das heißt, beides kann sowohl Ursache als auch Folge sein:

a) Haarausfall hat Auswirkungen auf die Psyche

Viele Menschen definieren sich über ihr Äußeres oder sind davon überzeugt, dass andere dies tun. Haarausfall mindert in den Augen der Betroffenen ihre eigene Attraktivität und wie jeder subjektiv empfundene Makel kann sich dies negativ auf die Psyche auswirken. Sich selbst als unattraktiv wahrzunehmen geht häufig mit der Angst vor sozialer Ausgrenzung einher.

Nicht selten beginnt ein Teufelskreis: Die Betroffenen ziehen sich aus Angst und Scham zurück, haben weniger oder seltener soziale Kontakte, worunter ihr Selbstwertgefühl noch mehr leidet. Sie fühlen sich in ihren Ängsten bestätigt, ziehen sich noch weiter zurück – teilweise bis in die soziale Isolation. Um das zu verhindern, ist es wichtig, Haarausfall und seine Folgen auf die Psyche ernst zu nehmen und entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

b) Psychische Faktoren verursachen Haarausfall

Haarausfall kann viele Ursachen. Zu den möglichen Auslösern gehören auch psychische Belastungen und Stress. Wie genau dieser Zusammenhang besteht, ist noch nicht abschließend geklärt. Wissenschaftler nehmen an, dass Stress die Konzentration bestimmter Botenstoffe (z. B. Noradrenalin) an den Haarfollikeln erhöht. Dies kann eine Entzündung zur Folge haben, welche die Wachstumsphase des Haares vorzeitig stoppt. Die Haarwurzel bleibt zunächst in einer 2-3-monatigen Ruhephase, bevor es schließlich ausfällt.

Depressive Frau hat Kopf in den Händen

Haarausfall & Depression

Bei Haarausfall vermuten die meisten Menschen in erster Linie genetische Ursachen oder eine mangelhafte Ernährung. Was viele nicht wissen: Auch psychischer Stress kann dazu führen, dass uns die Haare ausfallen. Vor allem bei einer Depression tritt Haarausfall sogar recht häufig auf. …

Wann kann Haarausfall Folgen für die Psyche haben?

Besonders emotional labile Menschen oder Personen, die sich stark über Ihr Äußeres definieren, sind anfällig für die verschiedenen psychosozialen Folgen des Haarausfalls. Aber auch bei ansonsten emotional stabilen Personen kann Haarausfall zu einer psychosozialen Krise führen. Diese ist oft umso gravierender, je plötzlicher und stärker der Haarausfall auftritt.

Was ist psychisch bedingter Haarausfall?

Psychisch bedingter Haarausfall ist eine Form des Haarausfalls, die weder auf genetische noch hormonelle Ursachen, sondern auf psychische Belastungen wie Stress zurückzuführen ist. Häufig wird er deshalb auch als stressbedingter Haarausfall bezeichnet, der in der Regel 2-4 Monate nach einer Stressphase auftritt. Typische Beispiele sind anhaltend hohe berufliche Anforderungen unter Zeitdruck oder erhebliche emotionale Belastungen wie eine Trennung oder ein Trauerfall in der Familie.

In den meisten Fällen wächst das Haar innerhalb von 6-9 Monaten nach dem Ende der psychischen Belastung nach. Eine spezielle medikamentöse Therapie ist hierfür nicht erforderlich. Es kann aber hilfreich sein, den Haarwuchs mit bestimmten Präparaten zu unterstützen. Einen wissenschaftlichen Beleg für eine solche Unterstützung gibt es für die meisten Produkte jedoch nicht.

Wissenschaftliche Studien: Zusammenhang zwischen Haarausfall und Psyche wissenschaftlich nachgewiesen

Der Zusammenhang von Haarausfall und Psyche wurde in verschiedenen wissenschaftlichen Studien untersucht und belegt. So ergab beispielsweise eine aktuelle koreanische Studie, dass Männer mit einer sehr hohen Wochenarbeitszeit ein gesteigertes Risiko für Haarausfall hatten als Männer mit einer normalen Wochenarbeitszeit. In einer schon 2004 veröffentlichten Arbeit unterscheidet Prof. Ralf Paus drei Ebenen von Wechselwirkungen zwischen Haarausfall und psycho-emotionalem Stress:

  • akuter oder chronischer Stress als Hauptauslöser für Haarausfall
  • akuter oder chronischer Stress als verstärkender Faktor für Haarausfall mit anderem Primär-Auslöser
  • Stress als Reaktion auf Haarausfall

Letzteres kann zugleich die Verstärkung der bestehenden Problematik darstellen und einen Teufelskreis in Gang setzen. Die Wissenschaftler um Paus kamen zu dem Ergebnis, dass Personen mit (bzw. wegen ihrem) Haarausfall unter großem psycho-emotionalem Stress stehen, der zu einer erheblichen Verringerung ihrer Lebensqualität führt. Bei manchen Patienten ist der Leidensdruck sogar mit dem einer chronischen oder lebensbedrohlichen Erkrankung vergleichbar.

Quelle: M. Hadshiew et al: Burden of hair loss: Stress and the understimated psychological impact of telogen effluvium and androgenetic alopecia. J Invest Dermatol 123: 455-457, 2004

Prof. Ralf Paus

Prof. Ralf Paus

Bildquelle: LinkedIn

Professor Ralf Paus ist Dermatologe und erforscht die Biologie und Pathologie des Haarfollikels, die Hautneuroendokrinologie sowie die Wissenschaft und Anwendung von Stammzellen in der menschlichen Haut.

Was kann man bei psychisch bedingtem Haarausfall tun?

Psychisch bedingter Haarausfall verschwindet in der Regel, sobald die Auslöser für die psychische Belastung beseitigt sind. Bei chronischem Stress ist es – nicht nur wegen des Haarausfalls, sondern auch anderer gesundheitlicher Risiken – wichtig, diesen so weit wie möglich zu reduzieren. Alternativ (oder zusätzlich) empfiehlt es sich, einen effektiven Umgang mit Stress zu erlernen bzw. sich einen Ausgleich als Stressbewältigung zu suchen. Je nach Typ und Vorlieben können diese Methoden zum Stressabbau beitragen:

  • Bewegung / Sport:
    Vom abendlichen Spaziergang über regelmäßige Trainingseinheiten im Verein bis hin zur Gartenarbeit ist alles erlaubt, was Spaß macht.
  • Hobbys:
    Nehmen Sie sich bewusst Zeit für Dinge, die Ihnen Spaß machen. Sport, Natur, Kultur, Werk- oder Handarbeit – das bleibt Ihnen überlassen.
  • Meditation, Atemübungen oder Entspannungstechniken:
    Gezielte Übungen zur Entspannung helfen dabei, sich vom Stress des Alltags zu lösen. Die Bandbreite reicht von autogenem Training bis zu Yoga oder Tai-Chi.
  • Schreiben:
    Nehmen Sie sich jeden Tag ein paar Minuten Zeit, um Ihre Gefühle und besonders stressige Situationen des Tages zu Papier zu bringen. Manchen Menschen hilft das, Abstand zu gewinnen und potenzielle Stressauslöser zu erkennen, um sie zukünftig besser vermeiden zu können.

Bei bestimmten Formen von massivem Stress und psychischer Belastung kann es zudem ratsam sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Scheuen Sie sich nicht, mit Ihrem Arzt darüber zu sprechen oder mit einem Psychotherapeuten Kontakt aufzunehmen.

 


Quellen:

https://www.healthline.com/health/stress/stress-hair-loss
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-252007/wenn-die-haare-ausfallen/
https://www.wicker.de/kliniken/hardtwaldklinik-ii/behandlungsschwerpunkte/erkrankungen-a-z/haarausfall/
https://www.onmeda.de/haarausfall/stress.html
https://aoemj.org/DOIx.php?id=10.35371%2Faoem.2019.31.e12
https://www.jidonline.org/article/S0022-202X(15)30963-5/fulltext